Lizas Logbuch |
Das Tumblelog von Lizas Welt |
20 Prozent der Deutschen sind laut einer vom Bundestag in Auftrag gegebenen und von einer »Expertenkommission« durchgeführten Studie latent antisemitisch. Und da fragt man sich doch, auf welchen Erkenntnissen diese Zahl eigentlich basieren soll. Denn bereits ein Blick auf das obige Schaubild (zu finden in der besagten Studie auf Seite 55; zur Vergrößerung auf die Grafik klicken) macht deutlich, dass es ganz erheblich mehr sind. 38,4 Prozent der Deutschen vertreten demnach die Ansicht: »Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.« 39,5 Prozent glauben: »Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen.« Und gar 57,3 Prozent meinen: »Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser.« Wer angesichts dessen von »nur« 20 Prozent Antisemiten ausgeht, hat definitiv nicht kapiert (oder will nicht kapieren), was Judenhass überhaupt ist und wie er sich äußert.
Deutlich näher an der Wirklichkeit ist da schon die Titanic:
Antisemitische Einstellungen sind in der deutschen Gesellschaft immer noch verankert: Zu diesem Ergebnis kommt ein Expertenkreis im Auftrag des Bundestages. Etwa 20 Prozent der Deutschen sind demnach »latent antisemitisch«. Die übrigen 80 Prozent will man beim nächsten Mal befragen – wahrscheinlich wird sich aber ohnehin bestätigen, daß solche Studienergebnisse in der Regel von Juden manipuliert sind, nicht wahr?
24. Januar 2012
Marseille, 18. Juni 2011: Während einer Kundgebung anlässlich des Starts der zweiten „Friedensflottille“ nach Gaza zeigen ein paar Männer eine israelische Flagge. Daraufhin werden sie von den Kundgebungsteilnehmern erst als „Mörder“ beschimpft, kurz darauf geht ein sich als pazifistisch verstehender, antisemitischer Mob auf die Männer los, schlägt nach ihnen und tritt auf sie ein. Die Polizei geht dazwischen – und nimmt die Opfer fest. Das eigentliche Verbrechen ist also nicht etwa der Judenhass – der hier auch noch unmittelbar gewalttätig wird –, sondern die Präsentation eines Symbols des jüdischen Staates gegenüber ach so friedfertigen Palästinafreunden. Wie hatte es Paul Spiegel noch formuliert? „Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder.“ Wie wahr.
(Mit Dank an Malte für den wertvollen Hinweis.)
25. Juni 2011
„Was muss denn passieren, ehe man bei Ihnen rausfliegt?“ – Christoph Heinemann interviewt Stefan Liebich, einen Bundestagsabgeordneten der Linkspartei, im Deutschlandfunk zum Antisemitismus in den Reihen der Linken (zum Manuskript des Beitrags geht es hier). Ein hierzulande selten gewordenes Beispiel für guten Journalismus, denn Heinemann lässt sich mit den kläglichen Ausflüchten und windelweichen Erklärungen Liebichs nicht abspeisen, sondern er setzt nach, insistiert und spitzt zu – wodurch der Parlamentarier immer tiefer im Morast seiner eigenen Scheinheiligkeit versinkt. Am Ende des Gesprächs ist deutlich geworden: Dass es in der Linkspartei Antisemitismus gibt (und zwar nicht zu knapp), leugnen nicht nur offene Israelfeinde wie Inge Höger und Norman Paech, sondern letztlich auch vermeintliche Israelfreunde wie Stefan Liebich (und Gregor Gysi).
20. Juni 2011
Was es nicht alles gibt: Fans von Dynamo Dresden – die allerdings auch ganz anders können und damit auch noch billig davonkommen – diminuieren in selbstkritischer Absicht Adorno (Bildquelle: schwarzgelb-dynamo.de).
28. April 2011
Henryk M. Broder verarztet auf der Achse des Guten die Dauerpatientin Inge Höger, MdB für die Linkspartei und Kreuzfahrerin wider den jüdischen Staat.
28. April 2011
Dieser kurze Beitrag des Kollegen Jan-Philipp Hein mit der Überschrift „Und zu Ostern bunte Eier auf die Stelen“ ist so grandios, dass er nicht bloß verlinkt, sondern in voller Länge wiedergegeben werden soll. Spread the word!
Stellen Sie sich vor, Sie bekämen vor Weihnachten Post von der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Neben einem glücklichen Jahr 2011 wünscht man Ihnen auf dem Kärtchen auch ein frohes Fest. Illustriert wäre die Sendung mit einem Bild des „Arbeit macht frei“-Schriftzugs, an dem ein Eiszapfen hängt, von dem sich ein Tropfen löst und gen Erdboden fällt. Kaum zu glauben. Und hat es wohl auch nie gegeben. Aber schauen Sie hier [siehe Foto oben].
Und jetzt erinnern wir uns an Gerhard Schröder und Eberhard Jäckel. Der Altkanzler wünschte sich einst ein Holocaust-Mahnmal, „wo man gerne hingeht“. Und der Historiker brachte es fertig, zu sagen: „Es gibt Länder in Europa, die uns um dieses Denkmal beneiden.“ Ja, es ist so schön, dieses Mahnmal, dass man es sogar mit Schneemütze und als Kitschmotiv mit den besten Grüßen zu den Festtagen verschicken kann. Die Osterkarte ist bestimmt schon in der Mache. Wir freuen uns drauf.
By the way: Henryk M. Broder did the right thing. The one and only right thing!
29. Dezember 2010
Okay, die Geschichte ist schon eineinhalb Wochen alt, aber sie ist in der Zwischenzeit nicht weniger absurd geworden, und vielleicht kennen sie ja auch ein paar Leser noch gar nicht: Vor der Küste des ägyptischen Badeorts Sharm el-Sheikh hat ein Hai unter anderem eine deutsche Touristin totgebissen, nachdem er sich zuvor bereits an russischen Gästen schadlos gehalten hatte. Daraufhin kam dem Gouverneur der Region Südsinai eine höchst innovative Idee, wer eigentlich hinter der Attacke stecken könnte – und warum:
Es ist nicht auszuschließen, dass der Mossad den todbringenden Hai ins Rote Meer geworfen hat, um dem Tourismus in Ägypten zu schaden. Aber es braucht noch etwas Zeit, um das zu überprüfen.
Stephen Colbert hat dieses abstruse Statement in seiner Sendung aufgegriffen und kongenial kommentiert (siehe das Video oben). Lila von Letters from Rungholt stand dem in nichts nach:
Tja, geben wir es zu. In Eilat, wo man mit Delphinen schwimmen kannn, gibt es auch die Haischule. Dort trainiert man die Haie mit Blutkonserven, wie sie jüdische Schwimmer von nichtjüdischen unterscheiden können. Sie erschnuppern das jüdische Gen für Hinterlist und Erfindungsreichtum im Wasser (sie haben ja ein extra Organ für das Aufspüren von Blut im Wasser) und stürzen sich dann auf die naiven, schmackhafteren Touristen, die dieses Gen nicht aufweisen. Es ist eines der größten Projekte des Mossad. Wir arbeiten noch an den Kartoffeln, die nichtjüdische Esser anspringen und beißen, an Kaktusfeldern, die nichtjüdische Spaziergänger erkennen und nach ihnen mit ihren grünen Paddeln schlagen, und an Quallen, die in Teams von mehreren arbeiten müssen (eine einzelne Qualle hat nicht genug Hirn, um Juden und Nichtjuden auseinanderzuhalten).
Nun darf man auf die Ermittlungsergebnisse aus dem Südsinai gespannt sein. Angeblich rüstet die ägyptische Marine schon zum Kampf gegen die zionistische Haiverschwörung.
(Mit Dank an Dennis für wertvolle Hinweise.)
15. Dezember 2010
Eine Leserzuschrift zum Beitrag „Um zwölfe wird zurückgeniebelt“, der am 21. Juni auf Lizas Welt erschienen war (Orthografie, Interpunktion etc. im Original):
Hallo Lizaswelt
Hat er [Dirk Niebel] nicht recht ???
Mittlerweile weiß doch fast jeder was in und mit Israel los ist, außer er oder sie sind Holocaust-Amnesiert.
Israel ist eine NAZI-Diktatur (National-Zionistische Diktatur), entsprechend der seinerzeit in Deutschland etablierten durch den Zionisten Adolf Hitler.
Alle Aspekte insbesondere die Lügen-Propaganda ist 1:1 kopiert.
Nach den Erfahrungen in Deutschland kann man nur empfehlen, weiter so, der Untergang ist sicher !
Aber das ist ja der Wunschtraum eines jeden echten Zionisten.
Frohes selbstmitleidendes Sterben wünscht
Rainer Zimmermann
„Alle Kinder haben Freunde, nur nicht Rainer, den mag keiner.“ So spricht’s aus dem Kindermund, und der tut stets die Wahrheit kund. GoogleMail hatte das Schreiben übrigens in den Spam-Ordner verfrachtet. Zionistenknechte, elende.
9. September 2010
Leszek Kolakowski: Die Antisemiten. Fünf Thesen, die nicht neu sind, und eine Warnung. In: ders.: Der Mensch ohne Alternative. Von der Möglichkeit und Unmöglichkeit, Marxist zu sein. München: Piper, 1967, S. 159-168 (S. 160f.)
15. August 2010
Der Hamburger Landesverband der NPD (müsste das bei denen nicht eigentlich „Gau“ heißen?) ist ganz begeistert von den Schlägern des ebenfalls in der Hansestadt ansässigen „Internationalistischen Zentrums B5“:
Hier sind diverse bekennende Antiimperialisten organisiert, die sich gegen Kapitalismus und Imperialismus auflehnen. Dieses Zentrum versteht sich als linke Gegenkultur konträr zu den Antideutschen und der etablierten Systempolitik. In der aktuellen Ausgabe der sozialistischen Zeitschrift „der Funke“ ist interessanterweise genau definiert, wie die klaren Ziele der antiimperialistischen Strömung aussehen und wie viele Gemeinsamkeiten mit dem weltanschaulichen Fundament der NPD vorhanden sind. Zu nennen ist unter anderem der politische Kampf für ein freies, soziales und kulturelles Leben innerhalb eines deutschen Volksstaates. Desweiteren wird die Achtung und Erhaltung der Natur und des Tierschutzes aufgeführt. Auch der geistige Widerstand gegen den Kapitalismus, gegen die Ausbeutung sozial benachteiligter Angehöriger unseres Volkes, sowie der Kampf gegen politische Repression, internationale Kriege der USA und die Zersetzung der geistigen und kulturellen Substanz unseres Volkes sind Bestandteile der Forderungen der Zeitschrift, die die NPD Hamburg voll und ganz unterstützt!
Die Konsequenz daraus:
Sollte von der antiimperialistischen Linken auch das Existenzrecht unseres Volkes ohne wenn und aber akzeptiert werden, wären gerade unsere jungen Aktivisten bereit, mit deutschen Jugendlichen von der vermeintlichen „Linken“ zu diskutieren und vom Dialog eventuell positive Akzente für die Zukunft zu erzielen.
Die Frage ist allerdings, was es überhaupt zu diskutieren gibt, wenn ohnehin Einigkeit besteht, nicht zuletzt darüber, dass Israel ein „jüdischer Terrorstaat“ ist und die USA der „Weltbrandstifter“ sind. Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Das Diskussionsangebot der rechten an die linken Judenfeinde folgt nicht bloß dem Leitsatz „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“, sondern es ist die Konsequenz aus beträchtlichen ideologischen Übereinstimmungen, wie die NPD völlig richtig erkannt hat. Mag die Prügelbande aus der „B5“ auch noch so oft „Nazis raus“ brüllen – die „Nationaldemokraten“ sind für sie lediglich Konkurrenten, aber keine Gegner.
11. August 2010
In Internetforen wird oft übelster Unsinn geschrieben. Aber manchmal findet man echte Perlen, wie diese hier im „Nahost-Thread“ eines Forums von Werder-Bremen-Fans. Dort bringt ein Teilnehmer mit dem Nickname „Maddin“ die Dinge eloquent auf den Punkt:
Sachlich betrachtet gibt es nur wenige Gründe, Israel seine Herrschaft über wenige Quadratmeter Erde zu neiden, zu bestreiten oder sonst was. Fakt ist aber auch, dass Israel sich zu einer Zeit militärisch etabliert hat, als die europäischen Mächte nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Grenzen fixiert und sich auf friedliche Abkommen geeinigt hatten. Der Staat Israel dagegen führt ihnen immer wieder den Gewaltcharakter des Staates vor Augen, den man in Europa nach 1945 so gerne vergessen und in einem wahnhaften Ideal vom friedlichen Weltstaat mit der EU als Vorreiter aufgelöst hat, was nicht erst jetzt in der Krise an seine Grenzen stößt und was geradezu zwanghaft diejenigen als Feinde seiner Idee vom Weltfrieden haftbar machen muss, die auf staatlicher Souveränität und Unilateralismus beharren: Israel und die USA.
Gleichzeitig hat sich in der arabischen Welt aus dem Trauma mehrerer Niederlagen, aus [dem] Heilsversprechen des Fundamentalismus und [aus dem] europäischem Ideologieexport ein genuin islamischer Judenhass entwickelt, der die Israelfrage, wie z.B. bei Ahmahdineschad oder auch bin Laden, zu einer Heilsfrage des arabischen Volkes oder derjenigen Gläubigen, die auf das Erscheinen des verborgenen Imams warten, zu einer existentiellen Frage der jeweiligen Glaubensprogramme überhöht.
Israel ist nun in der Lage, sowohl dem einen als auch dem anderen Wahn tatkräftig entgegentreten zu müssen, ohne über die Mittel zu verfügen, diesen Wahn auch nur annähernd zu begrenzen oder zu reduzieren, geschweige denn zu überwinden. Dies ist nur aus den jeweiligen Gesellschaften, aus Europa und aus den arabischen Staaten heraus zu gewährleisten. Die iranische Oppositionsbewegung hat kleine Schritte in diese Richtung unternommen, als sie [die] „Tod Israel“-Rufe mit „Tod Russland“-Rufen beantwortete. An diesen Weg gilt es anzuknüpfen.
Ich würde jetzt nicht so weit gehen zu sagen: Dafür darf Werder in der kommenden Saison Deutscher Meister werden. Aber die Qualifikation für die Champions League befürworte ich jederzeit.
24. Juli 2010
John J. Mearsheimer, einer der beiden Autoren des degoutanten Machwerks The Israel-Lobby (siehe auch hier), hat sich öffentlich in einen Fieberwahn hineingesteigert, „imagining his own martyrdom at the hands of perfidious Semites“, wie Jeffrey Goldberg treffend kommentierte. Mearsheimer sagte auf einer antiisraelischen Konferenz in Washington:
The Israelis can do almost anything and get away with it….If I went to the Middle East, and visited Israel, and I was killed, somebody shot me, do you think there would be any accountability? Seriously. If any of you went to the Middle East and were killed, do you think there would be accountability? There wouldn’t be. This is how outrageous this situation is. Just think about the [USS] Liberty, think about Rachel Corrie, think about this Turkish-American who was just killed on the flotilla.
The lobby believes it can finesse any issue. They’ve never seen an issue that they can’t finesse…..America’s interests and Israel’s interests are going to continue to diverge. And the end result of that, back here in the United States, is that the lobby is going to have to work overtime to cover that up and make it look like everything is hunky-dory when in fact it’s not.
Paranoia meets Narzissmus. Typisch für Antisemiten.
23. Juli 2010
Tobias Blanken auf Shining City.
16. Juli 2010
Welcher Teufel den Norman Paech reitet, wusste der viel zu früh verstorbene Eike Geisel schon vor siebzehneinhalb Jahren. Doch publizistische Perlen wie die folgende sind leider weitgehend in Vergessenheit geraten. Wäre dem anders, man diskutierte gar nicht erst darüber, aus welchem Antrieb heraus sich der Herr Völkerrechtler samt seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter zwecks Brechung der Blockade des Gazastreifens auf ein von Islamisten dominiertes Schiff begeben hat. Geisel schrieb im Januar 1993 in konkret:
In der „Hamburger Lehrerzeitung“ teilte Professor Paech seinen Kollegen in der GEW mit: „Israel muss sich allerdings in der Tat fragen, ob seine Palästina-Politik nicht einem latenten Antisemitismus in Deutschland Nahrung gibt – und dem können wir nicht entgegensteuern, indem wir schweigen.“ Die Frage erübrigt sich: Schweigen worüber? Die demagogische Figur dieser Wendung hat Tradition. Es handelt sich bei ihr um eine besonders beliebte Formel antisemitischer Agitation, um die Formel vom „provozierten Antisemitismus“. Wer sich über historische Beispiele dieser Anschuldigung informieren möchte, sollte gelegentlich mal wieder in ein Buch schauen, das für kurze Zeit zur intellektuellen Grundausstattung der Linken gehört hat, in die von Adorno und anderen vorgelegte Studie über die autoritäre Persönlichkeit. Im Kapitel über Themen und Techniken des amerikanischen Agitators sind all jene Äußerungen versammelt, die sich trotz ihres historischen Alters nachgerade jugendfrisch ausnehmen. Und wie quicklebendig diese alte Formel von der Mitschuld der Juden an ihrer Verfolgung ist, zeigt die im Brustton pädagogischer Verantwortung für Israel vorgetragene Ermahnung von Norman Paech. Nicht vom Antisemitismus will er reden, sondern von dessen Zulieferern in Israel. Der Anwalt der Menschenrechte, als der er sich versteht, präsentiert sich gerade dadurch als ein Gegner des Judenhasses, dass er die Juden beschwört, die Anlässe dazu aus der Welt zu schaffen.
Dass Norman Paech über die israelische Beihilfe zum deutschen Antisemitismus nicht schweigen kann, verdankt er, wie er in einem Zeitungsinterview sagte und in Hamburg wiederholte, einem ganz besonderen Zungenlöser: dem Pfingsterlebnis einer Israelreise. Er war, wie er mitteilte, vor 25 Jahren „in der Aura der Kollektivschuld“ nach Israel gefahren. Und dort war ihm zuteil geworden, worauf die Wallfahrer nach Lourdes immer nur vergeblich hoffen: Gesundheit. „Ich wurde erst dort auf die Lage der Araber aufmerksam“, berichtete er über das wundersame Mittel seiner dauerhaften Genesung. „Seit jener Zeit fühle ich mich in dieser Frage gefordert“, beschrieb er im salbungsvollen Jargon des Berufspolitikers die anhaltende moralische Wirkung dieser Entdeckung. Es war nicht Damaskus, wo es ja auch eine Lage der Araber gab, dass er vom Saulus zum Paulus geworden war, sondern Jerusalem. Dort hatte er sich vom Linken in einen Deutschen verwandelt, in einem moralischen Kurbad, das sich in der Folgezeit des Ansturms von Rekonvaleszenten aus der Bundesrepublik kaum erwehren konnte.
Von der „Aura der Kollektivschuld“ erlöst, hatte er schon Mitte der 60er Jahre persönlich ein Ziel erreicht, dessen allgemeine Verwirklichung die „Nationalzeitung“ noch immer einklagt. Die Leiden der Palästinenser vor Augen, konnte er aus dem Schatten Hitlers heraustreten. Nun war er frei für eine neue kollektive Aufgabe ganz eigener Art, nämlich für die des Bewährungshelfers. Und wie viele andere Absolventen des Bildungsurlaubs im Nahen Osten entdeckte er eine exklusive Fürsorgepflicht der Deutschen für Israel: „Ich vermag nicht“, begründete er dieses Ansinnen, „als Konsequenz aus den Verbrechen der Generation vor uns zu schweigen, wenn die Überlebenden, ihre Kinder und Enkel Menschenrechte anderer verletzen.“ Wenn also israelische Polizisten prügeln, wenn israelische Soldaten Zivilisten erschießen, dann strapazieren diese Taten vor allem die deutsche Kollektivgeduld. Wolfgang Pohrt hat dieses Bewährungshelfersyndrom einmal treffend als sozialarbeiterische Ermächtigung der Deutschen beschrieben, ihre Opfer davon abzuhalten, rückfällig zu werden.
Wir schreiben inzwischen das Jahr 2010, aber an Gültigkeit haben diese Zeilen kein bisschen eingebüßt. Man ist geneigt zu sagen: leider.
16. Juli 2010
Henryk M. Broder: Zionistenalarm!
15. Juli 2010