Text
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Notes
Der Fisch stinkt vom Kopf her
Ein paar fragmentarische, unsortierte Gedanken zur Gegenwart und Zukunft meines Lieblingsklubs anlässlich des ernüchternden 0:1 beim FC Basel gestern Abend:
- Ich fand es, ehrlich gesagt, ziemlich peinlich, wie sich Uli Hoeneß auf ›Sky‹ geäußert hat. So etwas wie eine »Abteilung Attacke« scheint mir einfach nicht mehr zeitgemäß, und wer heute noch ein Wort wie »Mädchenpensionat« in den Mund nimmt, hält vermutlich auch das Prinzip »Zuckerbrot und Peitsche« weiterhin für eine adäquate Form der Menschenführung (ganz zu schweigen von der befremdlichen Ausrede mit dem schlechten Rasen). Mag ja sein, dass Hoeneß’ öffentliches Gepolter früher so manchem Respekt eingeflößt und Druck von der Mannschaft genommen hat; heute wirkt es nur noch hilflos, lächerlich und dünnhäutig.
- Genauso überholt finde ich markige Reden, die auf Banketten nach einem Spiel vor Profikickern, Edelfans, Sponsoren und Journalisten gehalten werden, und Kabinenansprachen von Vorstandsmitgliedern. Gut möglich, dass Sprüche à la »Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft« vor zehn Jahren tatsächlich noch »Trotzreaktionen hervorgerufen« und »den Mannschaftsgeist gestärkt« haben; inzwischen sind sie sinnlos, wenn nicht sogar kontraproduktiv. Oder glaubt jemand im Ernst, dass Rummenigges Durchhalteparolen wie »Ihr müsst jetzt böse werden« oder »Einer für alle, alle für einen« bei intelligenten und mündigen Spielern wie Lahm, Neuer oder Gómez etwas anderes auslösen als Augenrollen und Kopfschütteln? Die Zeit der Grasfresser, Dazwischenhauer und Zeichensetzer à la Kahn oder Effenberg ist schlicht und ergreifend vorbei (wie man auch in der Nationalmannschaft sieht); ohnehin gibt es diese unsäglichen »Führungsspieler«-Diskussionen wohl nur in Deutschland. (In diesem Zusammenhang sei auch auf das Interview mit Joachim Löw im März-Heft von 11 Freunde hingewiesen.)
- Der gesamte Vorstand macht auf mich den Eindruck, innovationsfeindlich und rückständig zu sein. Ein modernes Unternehmen kann man nicht einfach führen wie einen – etwas zu groß geratenen – Familienbetrieb. So herzerwärmend und identifikationsfördernd es auch sein mag, in erster Linie verdiente Ex-Spieler mit Posten im Klub zu betrauen, so inzestuös scheint mir der ganze Laden mittlerweile geworden zu sein. Entscheidend für eine Tätigkeit im Verein ist offenbar weniger die originäre fachliche Eignung, sondern vor allem die Tatsache, dass der Betreffende einst selbst das Trikot des FC Bayern getragen hat oder mit einem Ex-Bayernprofi verwandt ist.
- Wie fragwürdig diese Personalpolitik ist – für die ja mit Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Christian Nerlinger ebenfalls ehemalige Bayernspieler verantwortlich zeichnen –, wird zunehmend offensichtlich. Die Scoutingabteilung – in der frühere FCB-Größen wie Wolfgang Dremmler, Michael Tarnat und Wolfgang Grobe das Sagen haben (Paul Breitner gehört mittlerweile nicht mehr dazu) – hat schon lange keinen wirklichen Volltreffer mehr gelandet, dafür aber mehrfach eklatant daneben gelegen, wie etwa im Falle des angeblichen künftigen Weltklasseverteidigers Breno. Die sportliche Leitung des Jugendbereichs, der komplett auf der Stelle tritt, hat der frühere Bayernspieler Michael Tarnat inne, Jugendkoordinator wird nach dieser Saison der derzeitige Reservetorwart Jörg Butt; die U19 wird vom einstigen Bayernprofi Kurt Niedermayer trainiert, die U17 von Franz Beckenbauers Sohn Stephan und die U16 von Wolfgang Dremmlers Sohn Sebastian. Die A-Jugend wurde letztmals 2004 Deutscher Meister, die B-Jugend im Jahr 2007, und dass diese Durststrecke in absehbarer Zeit endet, glauben nicht einmal die Verantwortlichen selbst. Die zweite Mannschaft, die in der kommenden Spielzeit von Ex-Bayernspieler Mehmet Scholl übernommen werden wird, dümpelt im Mittelfeld der Regionalliga herum, und aus ihrem Kader wird allenfalls Emre Can der Sprung in die Profitruppe zugetraut. Die Zeiten, in denen der Lizenzspielermannschaft überragende Talente wie Müller, Badstuber, Kroos, Alaba, Schweinsteiger oder Lahm zugeführt wurden, scheinen fürs Erste vorbei, zumal so etwas wie ein nachhaltiges, zukunftsorientiertes Konzept ohnehin nicht zu erkennen ist.
- Überhaupt fehlt es dem Klub an Ideen, an Mut, am Willen zur Weiterentwicklung, an Risikobereitschaft. Ja, Louis van Gaal war ein schrulliger, merkwürdiger Dickkopf mit wenig Sinn für die Notwendigkeit einer defensiven Absicherung. Aber unter seiner konzeptionellen (!) Regie wurden die Nobodys Müller und Badstuber zu Topspielern, das ewige Talent Schweinsteiger mauserte sich nach mehreren verschenkten Jahren auf der Außenbahn zu einem Weltklassefußballer im defensiven Mittelfeld, und die Mannschaft holte nicht nur das Double, sondern erreichte nach einer gefühlten Ewigkeit wieder das Finale der Champions League. Zweifellos gab es auch sportliche Gründe für seinen Rauswurf, in erster Linie aber hatte van Gaal es gewagt, den nicht minder störrischen Alphamännchen Hoeneß und Rummenigge die Stirn zu bieten. Was folgte, war die zutiefst konservative, scheinbar risikoarme, harmoniebringende Lösung namens Jupp Heynckes. Der ist bekanntlich ein loyaler Freund des Vorstands und Diener des Vereins, was eben auch bedeutet, Konflikte selbst dort zu scheuen, wo sie unumgänglich sind. Im Moment macht er einen rat- und hilflosen Eindruck, und es wirkt nicht so, als verfügte er über einen Plan oder gar ein Konzept, um ein nicht minder rat- und hilfloses Team aus der Talsohle herauszuführen.
- Personell wie taktisch kommt der FC Bayern momentan kaum konkurrenzfähig daher; in beiden Bereichen mangelt es erkennbar an Alternativen. Praktikable Ideen, wie sie beispielsweise vom famosen Taktikblog Spielverlagerung aufgezeigt worden sind, scheinen nicht einmal in Erwägung gezogen, geschweige denn trainiert zu werden. Die Mannschaft findet inzwischen auch gegen weniger tief stehende Gegner wie den SC Freiburg oder den FC Basel kaum ein Mittel, und die nahezu immergleichen, späten Auswechslungen vermögen daran nicht das Geringste zu ändern. Auf junge Spieler wie Petersen oder Usami verzichtet Jupp Heynckes schon lange; derzeit verengt sich der Kader auf vielleicht 14, maximal 15 Akteure, die zum Einsatz kommen – indiskutabel für einen Klub wie den FC Bayern. Hier machen sich gleich mehrere Fehler bemerkbar: eine wenig weitsichtige Transferpolitik, der erwähnte Mangel an geeignetem Nachwuchs, ein ausbleibender Mut zum Risiko. Hinzu kommt die Unfähigkeit, den Ausfall von Schlüsselspielern wie Bastian Schweinsteiger notfalls im Kollektiv aufzufangen. Wer hat den Dortmundern nicht alles prophezeit, den Weggang von Nuri Sahin (oder einen Ausfall von Mario Götze) nicht kompensieren zu können – gestimmt hat es bekanntlich nicht.
- Dem FC Bayern geht jedwede Vision ab; er ist auf Besitzstandswahrung und den kurzfristigen Erfolg aus und scheint die Tatsache, dass andere längst modernere, tragfähige Zukunftskonzepte entwickelt haben, dramatisch zu unterschätzen. Dabei klingt das, was etwa die Troika Watzke, Zorc und Klopp über Fußball zu sagen hat, weitaus innovativer, frischer und ideenreicher als bei Hoeneß, Nerlinger und Heynckes – und das Ergebnis auf dem Platz sieht dann auch entsprechend aus. Nun ist es zwar fraglos so, dass sie in Dortmund, anders als in München, nicht jedes Jahr mindestens die Meisterschaft erwarten, die Erwartungshaltung der Fans eine bescheidenere ist als bei den Bayern und die Medien nicht um jede Kleinigkeit ein Riesengewese machen. Aber das kann und darf kein Grund sein, auf eine weitsichtige und strategische Planung – vor allem bei den Transfers, bei der Besetzung des Trainerpostens und im Jugendbereich – zu verzichten. Nur habe ich inzwischen meine Zweifel, ob die Führung des FC Bayern München zu einer solchen Planung überhaupt willens und fähig ist.
Es kommt mir so vor, dass bei meinem Lieblingsklub mittlerweile vieles Stückwerk geworden ist und dass die Verantwortlichen viel zu stark einem Denken und Handeln verhaftet sind, das vor zehn, zwölf Jahren noch auf der Höhe der Zeit war, heute aber nicht mehr. Zwar wird der FC Bayern durch sein »Festgeldkonto«, auf das mit fast schon penetrantem Stolz immer wieder hingewiesen wird, in den nächsten Jahren vielleicht immer mal wieder in der Lage sein, für einen Kader zu sorgen, der die Deutsche Meisterschaft einfährt. Aber das würde nur verdecken, dass etwas Grundsätzliches im Argen liegt. Und da stinkt der Fisch, wenn ich mich nicht täusche, vom Kopf her.
23. Februar 2012